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Schulmedizin

Als Arzt begegnen mir gelegentlich durchaus recht gebildete Patienten, die sehr verächtlich und abwertend über Schulmedizin sprechen. In manchen Medien wird der Standpunkt verbreitet, Schulmedizin sei rückständig und im Grunde schädlich für den Patienten. Als fortschrittlich wird dagegen die Behandlung mit so genannten alternativen Methoden dargestellt.

Ich bekenne mich dagegen eindeutig zur geschmähten Schulmedizin. Dazu gehört allerdings meine Definition der Schulmedizin. Ich verlange von mir selbst, dass ich die Richtigkeit von therapeutischen Entscheidungen immer auf ihre Evidenz überprüfe. Das bedeutet, dass ich versuche, gesicherte Daten zu finden, ob im konkreten Fall die eingeschlagene Therapie dem Patienten wirklich hilft.

Die alternative Medizin hat Fakten nicht nötig. Von alternativen Therapeuten wird argumentiert, dass bei einer strengen, klinischen Prüfung, der randomisierten, verblindeten Phase III - Studie, wichtige Teile des therapeutischen Erfolges nicht berücksichtigt werden. Diese bestünden in dem Glauben an die Wirksamkeit der Therapie. Das bedeutet allerdings im Klartext, dass es sich bei der alternativen Behandlung im wesentlichen um eine psychologische Wirkung handelt. Das reicht mir allerdings nicht. Wenn ich wirksame Substanzen verwende, Operationen durchführe oder eine Strahlentherapie anwende, so tue ich es nicht wegen der psychologischen Wirkung. Ein guter Therapeut hat diese so genannte Placebowirkung immer mit dem Kalkül. Wenn ich alleine auf eine psychologische Wirkung vertrauen würde, so würde ich am besten eine Pille ohne Wirksubstanz, ein Placebo, verwenden, damit ich keinen Schaden anrichten kann. Übrigens halten alle guten Kliniken im Medikamentenschrank ihrer Stationen Placebos vor, die sehr gut gegen nächtliche Schlafstörungen helfen.

Ein viel größeres Problem besteht darin, dass ich über die Hälfte meiner Entscheidungen ohne wirkliche Evidenz treffen muss. Obwohl es Millionen von Publikationen über alle möglichen Therapien gibt, fehlen im speziellen Fall unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen und sozialer Situation ganz häufig aussagekräftige Daten. Große Studien können nur gemacht werden, indem ich Gruppen bilde, in denen sich ganz unterschiedliche Patienten befinden. Nur dann bekomme ich überhaupt eine Aussage. Wenn ich jede Situation einzeln betrachtet, so entstehen auch in großen Studien ganz kleine Grüppchen, die keine Aussage erlauben. So bin ich bei meiner Entscheidungsfindung und doch häufig auf meine Intuition angewiesen. Hinzu kommt, dass Studien mit vielen Patienten in der Durchführung sehr teuer sind. Hohe Geldbeträge wird von Firmen meistens nur für patentgeschützte Präparate ausgegeben. Studien, die mit öffentlichen Geldern gefördert werdem, sind rahr. Das führt zu einer einseitigen Schaffung von Evidenz für teure, patentgeschützte Medikamente. Für älter Präparate, chirurgische Methoden oder Strahlentherapie ist die Datenlage viel dünner.

Wo her rührt nun dieses tiefe Misstrauen gerade sehr gebildeter Patienten gegenüber der Schulmedizin? Die reale Situation in Klinik und Praxis besteht darin, dass der Arzt immer etwas tun muss. In ganz vielen Fällen müsste der Arzt aber zugeben, dass er den natürlichen Verlauf oder die vorhandenen Beschwerden nicht beeinflussen kann. Das befriedigt den Patienten aber nicht. Aus diesem Grund wird dann irgend eine Behandlung durchgeführt, für die es gar keine Evidenz gibt. Nur leider sind diese Willkürbehandlungen häufig wirksame Substanzen mit entsprechenden Nebenwirkungen. Das bedeutet, dass der Patient nicht nur seine Erkrankung oder seine Beschwerden nicht los wird, sondern durch die willkürliche Behandlung zusätzlich geschädigt wird. Es erfordert ganz große Autorität, einem Patienten zu erklären, dass man nichts machen kann.

In den meisten Fällen geht der Patient unbefriedigt von dannen. Wenn er von mehreren Schulmedizinern diese Antwort bekommen hat, so wendet er sich so genannten Alternativmedizinern zu. Deren Behandlung hilft zwar auch nicht, richtet in der Regel aber zumindestens keinen Schaden an. Mit dem Glauben an eine ursächliche Heilung wird im wesentlichen Zeit überbrückt. Die Krankheit und die Beschwerden würden ohnehin verschwinden.

Impressum                           Zuletzt geändert am 20.07.2019 20:07